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Plastikmüll im Meer

11 May 2021 — Lise Korth (2CC)

Plastikmüll gilt als eine der größten Bedrohungen für unsere marine Ökosysteme. Jährlich werden etwa 300 Millionen Tonnen Plastik produziert. Davon gelangen etwa 10 Millionen Tonnen als Plastikmüll in unsere Meere. Das sind erschreckende Zahlen. Zu jedem erdenklichen Zeitpunkt schwimmen etwa 250.000 Tonnen Plastik an der Meeresoberfläche, doch das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Rest sinkt nämlich in die Tiefe oder wird mit der nächsten Welle an die Küste geschwemmt.

Erwähnenswert ist allerdings, dass die Mehrheit des, sich in den Meeren ansammelnden, Plastikmülls nicht von Menschenhand hineingeworfen wurde, wie man das beispielsweise von Cola Dosen oder Zigarettenkippen am Straßenrand kennt. In der spanischen Region Almeria wird in großen Mengen Obst und Gemüse unter Plastikplanen angebaut. Letztere sind Hauptursache dafür, dass man spezifisch an der Mittelmeerküste besonders mit Plastikmüll zu kämpfen hat. Die Plastikplanen werden vom Wind in immer kleiner werdende Stücke zerfetzt und landen schließlich über Umwege (Regen, Wind, Wasserläufe) im Meer.

Richtig gefährlich wird der Plastikmüll aber erst, wenn das Salzwasser bzw. das Sonnenlicht das Plastik zunehmend spröde macht und die Wellen es nach und nach in immer kleinere Stücke zerlegen. In diesem Zusammenhang spricht man von Mikroplastik. Die einzelnen Teilchen haben einen Durchmesser von weniger als 5mm. Diese nehmen aufgrund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften schnell die unterschiedlichsten Giftstoffe auf. Tiere, vom kleinsten Lebewesen bis hin zum Pottwal, nehmen diese mikroskopisch kleinen Partikel mit ihrer Nahrung auf und scheiden sie meist nicht wieder aus. Damit ist die Gefahr schließlich komplett: Plastikmüll gefährdet unsere Wassertiere und Weltmeere. Jedes Jahr sterben um die 135.000 Meerestiere und über eine Million Meeresvögel an den Folgen unserer Wegwerfkultur. Delfine verfangen sich beispielsweise in Fischernetzen, Seevögel verwechseln Plastik mit Nahrung.

Umso erstaunlicher ist es zu hören, dass Plastikmüll für andere Lebewesen wiederum nützlich oder gar lebensfördernd sein kann. Letzteren bietet Plastik den ersuchten Halt und Schutz. In der blauen Wüste, dem offenen Ozean, bietet jedes Plastikpartikel, sei es noch so klein, genügend Schutz für ganze Bakterienkolonien. Plastikmüll ist sozusagen mit kleinen Inseln vergleichbar, welche Heimat für unzählige und diverse Mikroben und Bakterien sind. Tracy Mincer vom Woods Hole Institute spricht in diesem Kontext von "künstlichen Mikroriffen". Das Leben adaptiert sich demnach und findet selbst einen Weg, um mit dieser erheblichen Gefahr klarzukommen. Diese mikroskopischen Ökosysteme werden Platisphäre genannt.

Starten wir mal einen Vergleich: Aus einem einzelnen Gesteinsbrocken, schwebend mitten im Nichts, dem lebensfeindlichen Weltraum, hat sich unsere Erde entwickelt. Diese beherbergt, ähnlich wie die Plastikriffe, unzählige Spezies und ist zudem Heimat von uns Menschen.

Allerdings darf man sich jetzt auch nicht zu früh freuen. Manche der Bakterien sind nämlich gar nicht mal so ungefährlich und können auch uns Menschen schaden, wie beispielsweise die Coli-Bakterien.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass nicht alle Arten unter dem Plastikmüll leiden und Plastik demzufolge nicht einheitlich als gut oder schlecht bezeichnet werden kann. Dies führt dann wieder zur Frage: Steht es uns zu, das eine Leben über ein anderes zu stellen? Plastikmüll kann für Pottwale beispielsweise tödlich enden, bietet kleinsten Lebewesen aber überlebenswichtigen Schutz.

Des Plastikmülls größter Feind könnte uns allerdings aus dieser Zwickmühle herausführen: Seegras, welches eine wahre Unterwasser-Prärie und ein wertvolles Ökosystem für zierliche Seepferdchen, bunte Fische und andere bizarren Wesen bildet.

Die dichten Blättermatten der Seegraswiesen haben auch noch weitere, unterschätzte Vorteile, beispielsweise verfängt sich Plastikmüll in ihnen und wird in Form von kleinen Bällen wieder an Land befördert. Auf diesem Wege könnten alle Probleme auf eine natürliche Art und Weise gelöst werden, wenn es doch nur so einfach wäre... Das Seegras ist nämlich, aufgrund seiner Empfindlichkeit ebenfalls stark bedroht. Jegliche Schwankungen sei es bezüglich der Temperatur oder des Salzgehaltes sind für das Seegras schadend. Letzteres wächst sehr langsam und kann sich dementsprechend auch nicht schnell an seine Umwelt adaptieren. Außerdem weist das Seegras von sich aus schon eine genetisch-bedingte Schwäche auf. Grund hierfür ist ihre Fortpflanzung. Seegras reproduziert sich über horizontale Wurzelsprosse und erschafft auf diese Weise genetisch identische Klone, eine regelrechte Klongemeinschaft.

Abwarten, Tee trinken und das Seegras machen lassen ist also auch keine Option, eine andere Lösung muss her.


Quellen

Cover photo by Nariman Mesharrafa on Unsplash

Author(s): Lise Korth (2CC)
Editor: Nick Aschman
Topic(s): Environment
Team(s): Communication

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